Meine Gründe für eine rohe und überwiegend grüne Ernährung

Die folgenden Schilderungen klingen vielleicht etwas übertrieben. Das können sie ruhig. Leider gibt es jedoch zu viele Menschen mit denselben oder ähnlichen Problemen, wie ich sie hier beschreibe. Ich vermute, die meisten der Betroffenen versuchen, solche Probleme lange Zeit mit sich selbst auszumachen, gepaart mit der Hoffnung auf Besserung. Sie laufen von Arzt zu Arzt, ohne dort echte Heilung zu erfahren oder sie sind einfach nur über lange Jahre verzweifelt. Für mich war es die schlimmste Zeit meines Lebens. Für all jene, die im Moment ähnliche Situationen durchleben und kein Licht am Horizont sehen, schreibe ich hier (und hoffe, sie finden diesen Blog). Ich schreibe nicht für diejenigen, die diesen Zustand nicht verstehen und selbst nicht nachvollziehen können.

Die letzten 10 oder mehr Jahre waren für mich nicht mehr wirklich lebenswert. Richtig Spaß hat kaum etwas gemacht. Eigentlich habe ich mich nur noch entweder im Haus oder in der Firma aufgehalten, permanent beschäftigt mit meinem Problem Rücken.

Wie viele Jahre ich mich Tag für Tag vor allem mit meiner Wirbelsäule und dem Becken gequält habe, mag ich nicht zusammenrechnen wollen. Da schwirren zu viele schmerzvolle Bilder und Ereignisse in meinem Kopf herum. Trotzdem möchte ich vieles davon hier aufzählen, weil mich die Summe dessen und natürlich auch das Lesen vieler interessanter Bücher und anderer Informationen zur Umstellung auf vegane, rohe Nahrung bewogen hat. Vielleicht hilft es jemandem mit ähnlichen Beschwerden und er oder sie fühlt sich dadurch ebenfalls motiviert eine dauerhafte Ernährungs- und Lebensumstellung zu beginnen. Jede Veränderung an uns selbst beginnt immer im Kopf. Unser Denken, unser Programm im Kopf, unsere Gewohnheit leitet unser tägliches Handeln. Wir haben aber die Fähigkeit, unser Leben und Verhalten zu überdenken, zu reflektieren und mit entsprechend hoher Motivation auch radikal zu ändern – wenn wir es wirklich wollen.

Vor etwa 20 Jahren durfte ich mindestens einen starken Bandscheibenvorfall mit sehr lange anhaltenden Beschwerden auf L5/S1 ertragen. Der hat sich langsam angekündigt hat: Es fing im Sommer 1995 damit an (ich war 33), dass mir der Rücken bei Spaziergängen öfter weh tat und ich keine langen Strecken mehr laufen konnte. Mehr als ca. 1 km normales Gehen war schon zu viel. Ich wollte mich dann recht schnell wieder irgendwo setzen oder wenigstens eine Weile den Oberkörper nach vorn beugen oder in die Hocke gehen, um den Rücken zu entlasten. Es war dann 5-10 Minuten erträglich, bevor das Brennen und der Schmerz wieder von vorn begann. Mit zunehmender Wegstrecke wurde dieser Schmerz dann immer bohrender. Dieser Zustand spitzte sich bis zum Winter 1995 zu. Um Weihnachten 95 herum kam es dann zum Crash. Ich saß im Wohnzimmer bei uns zu Hause und schrie fast vor Schmerz, als ein Stück Bandscheibe im Lendenbereich auf Wanderschaft ging und höllisch auf benachbarte Nervenstränge drückte. Der Schmerz war damals so stark, dass ich mich keinen Zentimeter bewegen wollte. Der Gang zur Toilette dauerte ewig und vollzog sich extrem langsam auf allen Vieren. Irgendwann holte mich ein Notdienst ab. Zwei kräftige Kerle hoben mich in einen Tragestuhl und fuhren mich zum Orthopäden. Die darauf folgenden wochenlangen Arztbesuche und damit verbundene Spritzen will ich nicht weiter ausführen. Das ist für Betroffene nichts Neues.

Ich muss dazu sagen, dass ich etwa ein dreiviertel Jahr zuvor mein Ernährung umstellte von Normalkost auf weitgehend roh-vegan (motiviert vor allem durch Helmut Wandmaker u.a.). Aus meiner heutigen Sicht hingen die Schmerzen, die dann langsam folgten, auch mit der Ernährungsumstellung zusammen und damit, dass ich bis zum Winter fast 20 kg Gewicht verlor, von etwa 80kg auf 60kg. Hinzu kommt, dass ich meine Nahrung damals nicht gut gewählt habe. Auch Bioprodukte waren zu dieser Zeit erst wenige auf dem Markt und Bio war eigentlich kein echtes Thema. Mir fehlte einfach auch das richtige Wissen und Erfahrungen. Ich kaufte viel normales Obst und Gemüse aus dem Supermarkt und habe kaum auf Bio geachtet. Gemüse holte ich zwar oft auch vom Wochenmarkt, jedoch war mein Grünanteil über lange Zeit definitiv viel zu gering - der Anteil an überzüchteten Obstsorten, an Mais und Erbsen aus der Tiefkühltruhe dafür viel zu hoch. Mais und Erbsen kamen zu allem Übel auch noch aus einem Großmarkt aus konventionellem Anbau. Wir aßen davon viel zu viel. Uns ging es wie vielen am Anfang, wenn man ganz neu auf Rohkost um stellt. Man bekommt nicht mehr das gewohnte Sattgefühl. Damals hatte ich zwar bereits ein eigenes Grundstück, dass ich jedoch leider viel zu wenig für Gartenarbeit nutzte. Heute wohne ich auf diesem Grundstück und bewirtschafte dort natürlich auch meinen eigenen, kleinen Garten.

Niemand hilft einem wirklich bei einer solchen Umstellung oder man hat sich zu wenig über eine solche radikale Umstellung informiert. Es gibt Menschen, die schaffen einen Umstieg auf ausschließlich rohe Nahrung mit großem Willen ziemlich schnell, wie das auch bei mir der Fall war. Andere brauchen dafür Jahre und die physischen und psychischen Abhängigkeiten in Bezug auf Fleisch, Brot, Nudeln, Milchprodukte und Süßigkeiten etc. sind bei den meisten Menschen extrem hoch. Aus heutiger Sicht würde ich jedem am Anfang einer Ernährungsumstellung dringend empfehlen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, für 2-3 Wochen oder vielleicht auch mehr.

Hier ein schmerzvolles und fast schon peinliches Beispiel, dass auch wir natürlich Fehler mit der Umstellung unserer Ernährung gemacht haben: Eines Tages mussten wir mit unserem (damals kleinen) Sohn ins Krankenhaus, weil er so starke Bauchschmerzen hatte. Es stellte sich nach einem Ultraschall beim Arzt heraus, dass den armen Kerl nur einen riesiger Blähbauch quälte, der er sich durch das Essen von zu viel grünen (aufgetauten) Erbsen angefuttert hatte. Das tut mir heute noch schrecklich leid für den Zwerg. Nie mehr wieder würde ich Kindern vorschreiben, etwas generell nicht essen zu dürfen. Jedenfalls bringen strenge Verbote nichts. Bei sehr kleinen Kindern kann man das Essen noch weitgehend vollständig steuern. Aber jedes Kind wird älter und will dann auch mal von den vielen anderen leckeren Sachen probieren. Wer hier weiterhin durch Strenge versucht sich durchzusetzen, hat schon verloren. Gerade bei Kindern sollte man sehr gut abwägen, wie man mit der Ernährung umgeht. Das Risiko, durch falsche Entscheidungen in späteren Jahren den 'guten Kontakt' zu den eigenen Kindern zu verlieren, ist extrem hoch. Langfristig die beste Wirkung hinterlässt bei Kindern immer das eigene Beispiel. Auch wenn dein Kind am Tisch ein Käsebrot isst und du selbst nur Obst, so ärgert dich das wahrscheinlich. Trotzdem registrieren Kinder deine Nahrung und es hinterlässt in jedem Fall dauerhaft Abdrücke in ihrem Kopf...

Ein zusätzliches Problem war auch, dass ich in diesen Monaten meine Rückenmuskulatur fast völlig vernachlässigt habe. Was ich an Sport machte, war trotz Schmerzen Radfahren und sogar Joggen. Keine Ahnung, welcher Teufel mich damals geritten hat, trotz Rückenbeschwerden zu joggen. Bereits seit meiner Jugend hatte ich immer wieder Probleme mit meinem Rücken. Die habe ich aber nicht wirklich ernst genommen, wie man das halt so als Jugendlicher macht, weil, man wird ja nicht krank. Vor allem das Joggen in diesen Monaten war aber absolutes Gift. Trotz Schmerzen wollte ich das damals aber mit 33 einfach nicht wahrhaben. Ich bin doch die Jahre davor so oft gejoggt und ich aß doch so viel Rohkost, tralala... und so kam es wie es kommen musste. Ende Dezember machte ich dann also die Erfahrung eines heftigen Bandscheibenvorfalls in der Gegend um L5/S1. Ab diesem Zeitpunkt ging für Wochen und Monate körperlich und geistig fast nichts mehr. Natürlich wusste ich zu dieser Zeit nicht, dass mich das Problem Rückenschmerzen über viele Jahre leidvoll begleiten wird. Und trotzdem: Ich habe es aufgrund des Schmerzempfindens damals schon geahnt. Wer so eine Sache mal hatte, der weiß wovon ich spreche.

In den Jahren nach 1996 gab es monatelange, oft jahrelange Phasen mit fast täglich wiederkehrenden Schmerzen in abgeschwächter oder stärkerer Form. Etwa eineinhalb Jahre behielt ich meine größtenteils rohe, vegane Ernährung bei. Ab Herbst/Winter 1996 kam dann wieder mehr gekochtes Gemüse und gelegentlich auch Milchprodukte wie Quark hinzu. Ursache dafür war vor allem auch die täglichen Mahlzeiten und das Leben mit der Familie. Meine Frau und meine Kinder fühlten sich damals wohl durch mich 'unter Druck' gesetzt, was tatsächlich auch an mir lag, da ich wenig Verständnis für eine andere Ernährung zeigte (gerade bei meinen Kindern). Aus heutiger Sicht, also 20 Jahre später, habe ich damals viele Fehler gemacht und meiner Familie viel zu viel abverlangt. Es kam oft zum Streit mit meiner Frau, mit unseren Eltern und Verwandten, besonders als die Kinder dann älter wurden. Heute bin froh, dass meine Frau trotz aller Probleme zu mir und zu unserer Familie hielt. Mit den Jahren passte ich mich langsam wieder den Essgewohnheiten der Familie an. Fleisch aßen wir weiterhin zu gut wie keins. Allerdings kamen gelegentlich auch wieder Fisch und Käse auf den Tisch. So nahm die Entwicklung in meinem Rücken und mit anderen Problemen seinen Lauf.

2003 kam unser drittes Kind zur Welt. Wir aßen zu dieser Zeit immer noch weitgehend vegetarisch (leider keine Wildkräuter), obwohl sich meine Frau während der Zeit der Schwangerschaft nicht so wirklich wohl dabei fühlte und in dieser Zeit gelegentlich auch Fisch und Käse aß, da sie Angst vor weitreichenden Mangelerscheinungen hatte. Ihr Gefühl sollte sie leider nicht täuschen. Mit einem dramatischen B12-Problem musste unser Kind nach einem Jahr Muttermilch ins Krankenhaus. Dazu mache ich irgendwann später mal einen separaten Beitrag.

In den Jahren nach 2003 wurde es dann Jahr für Jahr schlimmer mit meinen körperlichen Beschwerden. Hier eine Liste mit all den Gefühlen und Problemen, an die ich mich gut erinnere:

  • Punktuell und flächig verteilte Rückenschmerzen im unteren Rücken, fast zu jeder Tageszeit, an jedem Ort, egal ob sitzend, stehend oder liegend. Der Schmerz war immer zu spüren und verteilte sich wie ein Nervenschmerz in den Faszien.
  • Permanente Beckenschmerzen im Bereich der Beckenschaufeln nahmen zu, etwa ab dem Jahr 2010. Noch 10-15 Jahren zuvor hatte ich diese Art Schmerzen nur gelegentlich mal. Sie verschwanden nach einer Weile wieder. Orthopäde und Radiologe konnten trotz MRT keine eindeutigen oder auffälligen Ursachen erkennen und mir nicht helfen.
  • Mit der Familie war aufgrund der zunehmenden Beschwerden kein normaler Urlaub mehr möglich. Wir machten zwar Urlaub, aber alles im Urlaub war irgendwie auf meine anhaltenden Beschwerden ausgerichtet.

Fortsetzung folgt...

Nachtrag 07.09.18:

Fortsetzung wird in einem neuen Beitrag erfolgen. Nach 3 Jahren Rohkosternährung hat sich meine Sichtweise der Dinge doch sehr erweitert. Das was ich oben beschreibe, war der Stand Ende 2015.

Hier noch ein Link zu einem Post von Januar 2016: Status nach 3 Wochen Rohkost...